Gestern Abend war es wieder so weit. Ein neuer Tatort stand an. Ich weiß ja nicht wie es Euch geht, aber die Qualität der Tatorte hat entweder abgenommen oder mein Anspruch hat sich über die letzten Jahre erhöht. Nur wenige sind spannend, logisch, viele hingegen zeigen die Polizei oft in gesetzüberschreitenden Handlungen ohne Konsequenzen und erfüllen den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen eigentlich gar nicht mehr. Schauspielerisch gibt es eigentlich kaum was auszusetzen. Vielleicht sollten die UrheberInnen deshalb ihre Energie mal weniger auf tendenziöse Urheberrechtskampagnen konzentrieren, sondern mehr auf ihre eigentliche Arbeit, nämlich gute Drehbücher zu schreiben.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Der Tatort gestern Abend. Die Handlung lässt sich grob umreißen mit: Reiche Banker-Familie mit Kind, Kind wird entführt, Entführer schickt DVD mit Video vom Kind und der ersten Lösegeldforderung. Unter Beobachtung der Polizei verteilt er die ersten 500.000€ in bester Robin-Hood-Manier auf dem Alexanderplatz an Passanten um sich danach von der Polizei festnehmen zu lassen. Die zweite Lösegeldforderung will er dort den Eltern persönlich mitteilen. Die Gründe, warum er das Kind entführte werden im ganzen Tatort nur mit einem Satz des Entführers angesprochen. Dabei handelt es sich jedoch bei Lebensmittelspekulationen um so ein wichtiges Thema, dass man das meiner Meinung nach deutlich ausbauen hätte müssen, damit der Zuschauer auch Einblicke in die Problematik erhält. Weder hat der Entführer eine medienwirksame Pressekonferenz gegeben, noch hat er seine Gründe näher erläutert, wo die Kommissare dann die Möglichkeit gehabt hätten, den Zuschauern die Spekulationsproblematik erklären zu können ( Eine Möglichkeit: Kommissar1: „Was meint er denn mit Lebensmittelspekulationen, wo ist das Problem?“ Kommissar2: „Schau her, ich erklär’s dir“).

Der Sohn des Entführers ist auch eher schwach dargestellt, hätte er doch die Möglichkeit gehabt mehr auf den Vater einzuwirken, in der Art von, „Hey Vadder, ich kann dich verstehen, aber Entführen geht gar nicht, aber schau ich hab da ne Idee für dich: Du gehst in den Knast, schreibst danach ein Buch über das Thema und erzeugst somit Aufmerksamkeit dafür“. Nein, er wird lieber überfordert mit der Situation dargestellt und geht unverrichteter Dinge ohne den Vater überzeugen zu können.

Gegenübergestellt mit der Tatsache, dass jede Sekunde viele Kinder durch diese Problematik sterben, lässt die Trauer der Mutter, „Ich habe 10 Jahre versucht schwanger zu werden, also nimm mir nicht mein Kind jetzt weg“ geradezu grotesk wirken. Aber auch hier wird wieder nicht darauf eingegangen. Der Entführer sagt nichts, bis er schlussendlich dann doch einbricht, und den Eltern den Aufenthaltsort des Sohnes mitteilt, unter der Bedingung, dass die reiche Familie 10 Mio € an nicht näher definierte Einrichtungen spendet.

Das Kind wird zum Schluss dann wohlbehalten von den Kommissaren befreit. Die Handlungen des Bankers aber bleiben ohne Konsequenzen. Anstatt der Möglichkeit Reue zu zeigen, erleidet der Ärmste abseits der Kamera einen Nervenzusammenbruch. Ob das Geld gespendet wird, bleibt fraglich. Die Chance für ein tragisches Endes wird nicht genutzt. Aber wo, wenn nicht im Tatort, sollen den sonst Menschen sterben können?

So geht ein Tatort, der eigentlich die Möglichkeit hatte, eine aktuelle schwerwiegende Problematik einem Millionenpublikum näherzubringen, ohne Signalwirkung zu Ende. Es gibt keine Gesamtaussage, die Problematik der Lebensmittelspekulationen geht im Handlungsstrang unter, als wäre nichts gewesen. Das hätte man auch besser machen können, schade um das gute Thema.