Liebe Taz, wir müssen reden.

Liebe Taz,

ich habe bei euch gerade ein Probeabo fast beendet und fand viele Artikel eigentlich sehr gut recherchiert. Wir überlegten ob wir das Abo verlängern sollten. Eigentlich war ich von dieser Idee ganz angetan, eine genossenschaftlich organisierte Totholz-Zeitung zu unterstützen, doch jetzt bin ich am zweifeln. Grund ist dieser Artikel hier: https://www.taz.de/Standpunkt-vegan-und-Landwirtschaft/!120197/

Unter dem Titel “Fleisch gehört dazu - Veganer retten nicht die Welt. Sie wissen zu wenig über die Natur. Denn ohne Tiere gibt es keinen Biolandbau.” verbreitet ihr einseitige und noch dazu faktisch widerlegbare Einzelmeinungen als Tatsache. Doch mehr zu den einzelnen Aussagen im Artikel.

Viele Verbraucher möchten ihren ökologischen Fußabdruck verringern, wollen sich gesund ernähren, ohne Natur zu überstrapazieren, und haben die Nase voll von leergefischten Meeren, geschundenen Tieren und Futtermittelskandalen. Was liegt da näher, als auf Fleisch und Fisch oder gleich auf alle tierischen Produkte zu verzichten und sich von Getreide, Bohnen und Gemüse zu ernähren.

Liebe Frau Gonder, wir Veganer essen auch etwas anderes als Getreide und Körner, auch mehr als Bohnen und Gemüse. Diese abschätzige Art meine Ernährungsweise zu beschreiben, lässt mich nicht darüber nachdenken, ob Sie vielleicht doch Recht haben könnten, es diskriminiert mich als Veganer und verschließt mich Ihrer “Argumentation”. Das war schon mal ein eher schlechter Start in den Artikel.

Einer der Denkfehler vieler Vegetarier ist die Annahme, die heute übliche agrarindustrielle Intensivmast sei die einzige Möglichkeit, Tiere zu halten. Ihre Kalkulationen zum Energieverbrauch, zum Kalorieneinsatz, zu den hungernden Menschen, basieren alle auf der idee, dass Nutztiere Getreide benötigen und dass man mit diesem Getreide besser Menschen satt machen sollte.

Hier bleiben Sie die Gründe schuldig, was daran falsch ist. Die heutige Massentierhaltung, bzw. auch die Intensivmast von Tieren verbraucht viel mehr Energie und verschmutzt die Umwelt viel mehr, als der Anbau von Getreide und Gemüse. Auch ist der Wasserverbrauch für die Fleischproduktion exorbitant höher als für den Getreideanbau.

Dabei wird vergessen, dass Rinder, Ziegen oder Schafe Weidetiere sind, die über Jahrmillionen nie in Nahrungskonkurrenz zum Menschen standen. Im Gegenteil: Diese Tiere essen, was wir Menschen nicht nutzen können – die Zellulose der Gräser – und wandeln sie in für uns hochwertige Nahrung um: in Fleisch und Milch, in Eiweiß und Fett.

In welcher Welt leben Sie eigentlich? Wie verträumt romantisch ist Ihre Vorstellung, dass alle Tiere, oder auch der größte Anteil davon denn tatsächlich Gras zum Essen bekommt. Vielmehr bekommen die meisten Schweine und Rinder Sojaschrot für den der Regenwald abgeholzt wird. Und zwar in einer für uns Menschen überlebensbedrohlichen Menge und Art und Weise.

Anstelle der Tierhaltung mehr Getreide oder Soja für die wachsende Menschheit anzubauen, löst weder das Welthungerproblem noch schont es die umwelt. Von den rund fünf Milliarden Hektar urbarem Land auf dieser Erde sind 3,4 Milliarden Weideland. Mehr als zwei Drittel der nutzbaren Flächen dienen also der Erzeugung tierischer Lebensmittel. Und das ist keineswegs Verschwendung, sondern eine ökologische Notwendigkeit. Diese Flächen sind für Ackerbau ungeeignet. Die einzige Möglichkeit, auf diesen Flächen nachhaltig Nahrung zu gewinnen, ist die Tierhaltung.

Siehe oben, Belege und Quellen fehlen auch hier komplett. Wieso sollte man auf 23 der nutzbaren Fläche bitte kein Gemüse anbauen können? Ist unser Planet schon so ungeeignet für den Ackerbau? Wenn ja, dann haben wir als Menschen versagt. Ich glaube aber eher, dass genau das Gegenteil Ihrer Aussage der Fall ist. Die Produktion von Fleisch steht dem Anbau von Getreide für die Menschen im Wege und führt so einer Verschlimmerung der Nahrungsmittelsituation. Ich zitiere von der verlinkten Wikipedia-Seite: “Durch eine Senkung des Fleischkonsums könnten große Anbauflächen und Getreidemengen zugunsten der menschlichen Ernährung genutzt werden statt für die Viehmast”. Quellen finden Sie im verlinkten Artikel.

Was passiert, wenn man Weideland wie die großen Steppen und Prärien für Weizen und Mais umpflügt oder die Wälder für Sojafelder abholzt, ist hinlänglich bekannt: weltweit kam es in der Folge derartiger landwirtschaftlicher Eingriffe zu Erosionen und Versalzung, und das Bodenleben erstarb. Am Ende bleibt nur Staub und Wüste, wo zuvor über Jahrmillionen Nahrung und Mutterboden entstanden, wo unvorstellbare Co2-Mengen gebunden waren, die das umpflügen freisetzt.

Das beste Argument gegen die Viehzucht haben Sie nun selbst angeführt. Begründung siehe oben. Veganer sind nicht für die Regenwaldabholzung verantwortlich, die Fleischindustrie ist es. Auch sei an dieser Stelle erwähnt, dass das Soja, dass man als Veganer isst, meist aus Biolandbau stammt, meist aus Europa oder Fair-Trade-Projekten wie z.B. in Brasilien stammt, und somit der Nachhaltigkeit auch hier Rechnung trägt, da bekanntlich in Europa kein Regenwald wächst.

Wie steht es mit dem Biolandbau? Biolandbau und Vegetarismus schließen einander aus. Durch den Verzicht auf mineralische Düngemittel ist die ökologische Landwirtschaft ganz besonders auf Tiere als Düngerproduzenten angewiesen. Geschlossene Kreislaufwirtschaft heißt ihr Grundprinzip: Tiere, Menschen und Pflanzen leben in einer sich gegenseitig stützenden und nährenden „Mischkultur“. Nur so ist Nachhaltigkeit überhaupt möglich. Würden die Biokunden auf Fleisch, Milch und Eier verzichten, wäre dies das Ende der ökologischen Landwirtschaft.

An dieser Stelle sollten Sie einmal Gründüngung nachschlagen. Vielleicht verstehen die Veganer doch mehr von Landwirtschaft, als Sie hier unterstellen. Auch ohne Tiere kann man dem Boden genug Nährstoffe lassen. Viele andere Faktoren spielen hier eine Rolle wie z.B. der Anbau von Humusvermehrenden Pflanzen, dadurch Vermeidung von Erosion, Tiefe der Pflügung des Feldes, Verzicht auf chemische Spritzmittel, Erhöhung der Biodiversität, etc.

Alles, was lebt, hatte eine Mutter (und vieles einen Vater), auch Pflanzen. Zudem zeigt der Spruch, wie anthropozentrisch die Tierschützer im Grunde sind: Fühlen Lebewesen, die uns nicht ähnlich sind (die kein Gesicht haben), weniger? Sind sie weniger schützenswert? Wer zieht hier wo die Grenzen? Was ist mit den millionenfach im Boden lebenden Einzellern, Würmern und Bakterien, die durch den Anbau von Getreide- und Sojamonokulturen getötet werden? Zählen die nicht?

Merken Sie selber an dieser Stelle oder? Lächerlicher und pathetischer ging nicht mehr, ja? Getreide- und Sojamonokulturen habe ich oben schon widerlegt. Der Rest, darüber muss man ja nun wirklich keine Worte mehr verlieren. Veganern geht es um Leidminimierung. Eine vollständig leidfreie Ernährung wäre zwar wünschenswert, aber es ist auch jedem Veganer klar, dass dies nicht erreichbar ist. Dennoch bleibt es wünschenswert, dass Leid minimiert wird, in jeder erdenklichen Art und Weise.

Nun ist der Mensch von der Natur als Omnivore (Allesesser) konstruiert, was nichts anderes heißt, als dass wir mit einer aus tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln zusammengesetzten Kost am besten fahren. Man kann sich ohne Fleisch sehr gesund ernähren. Doch eine rein pflanzliche Kost, wie sie Veganer als besonders gesund propagieren, liefert niemals alle Nährstoffe, schon gar nicht für Kinder oder Schwangere.

Auch hier muss ich ja nicht auf die wieder fehlenden Quellen hinweisen. Hätten Sie sich mal bei Ernährungswissenschaftlern umgehört, würden Sie wissen, dass Ihre Aussage überholt und falsch ist. Die ADA, die amerikanische Vereinigung von Ernährungswissenschaftlern behauptet nämlich genau das Gegenteil. Vegane Ernährung ist, wenn richtig geplant, in allen Lebenslagen gesund. Vor Kurzem hat sich auch die australische Vereinigung dieser Position angeschlossen.

Dass es dennoch Veganer gibt, die sich (noch) bester Gesundheit erfreuen, liegt daran, dass sie zu allermindest Vitamin-B12-Präparate einnehmen. Doch selbst mit Nahrungsergänzungen kann es mit der veganen Kost schief gehen. Kürzlich erklärten zwei prominente US-Veganerinnen, dass sie trotz bester Pflanzenkost krank wurden und nun – wie auch Lierre Keith – wieder tierisches essen.

Wieviele Fleischesser werden krank, wieviele Gesellschaftskrankheiten lassen sich auf überhöhten Fleischkonsum zurückführen? Merken Sie was? Nicht die Veganer sind das Problem, der übertriebene Fleischkonsum ist das Problem. Und nein, ich behaupte nicht, dass Fleisch ungesund wäre, zuviel ist es aber definitiv und ich könnte auch zwei Menschen, die ungesund leben und Fleischesser sind herauspicken um meine Meinung zu unterstützen, wissenschaftliche Methoden sehen aber anders aus. Davon mal abgesehen, dass auch hier wieder ein Beleg für die zwei prominenten Vertreterinnen fehlt.

Und noch ein paar Worte an die Taz. Vielleicht solltet ihr Artikel auf Wahrheitsgehalt prüfen, bevor Ihr sie veröffentlicht! Diese beleidigende und unsachliche “Berichterstattung” ist eurer nicht würdig!